< >

Minna von Barnhelm

von Gotthold Ephraim Lessing

Klugheit, Witz und erstklassiges Handwerk: diese reife Inszenierung setzt Zeichen. Kölnische Rundschau

Schlüssig und zeitgemäß Kölner Stadtanzeiger

Bestechend aKT

Es macht Spaß, dem Treiben um männliche und weibliche Eitelkeiten zu folgen. Gerade wenn Kay Link den Lessing über die Boulevardbühne abzuwickeln droht, setzt die Wende ein. Es wird doch noch Ernst und mit dem Schlußbild so träumerisch und melancholisch, als hätte sich Lessings „Minna“ in eine Kleistsche Heroine verwandelt. Die Inszenierung gewinnt hier an Tiefgang, indem sie den modernen Teil von Lessings Stück hebt. Deutlich wird die Psychologie zweier Menschen, die nicht von ihrer Egozenbtrik lassen mögen. […] Die Frage der Ehre macht das Stück altmodisch, muss es aber nicht, wie Link zeigt. Denn der Ehrbegriff ist schon in Lessings Text mit dem Stichwort Geld verknüpft. […] Klugheit, Witz und erstklassiges Handwerk: diese reife Inszenierung setzt Zeichen.

Kölnische Rundschau

 

Der Major trägt Adiletten

Wie bringt man einem heutigen Publikum Beziehungsgefechte anno 1763, zwischen einem reichen, gebildeten Fräulein von Stande und einem entlassenen, verarmten und in seiner Ehre gekränkten Major nahe? Regisseur Kay Link inszeniert seine Fassung der „Minna von Barnhelm“ rund um die Holztheke einer absteige mit schäbigem 70er-Blümchenvorhang und leuchtendem Nescafé Wandautomat im Hintergrund (Ausstattung: Peter Lehmann). Major von Tellheim ist ein Schlaffi in Adiletten, Miinna im Jeansoutfit rammt einergisch ihre Chucks mit Absatz in den Boden. Doch auch wenn alle sechs Darsteller ohne Aufzufallen in Kostümen auf die Straße gehen könnten, wird hier Aktualität nicht nur durch Kleidung und schon gar nicht durch unbeholfene Dialogerneuerung oder Querverweise generiert. Es ist vielmehr die Art und Weise, wie das Ensemble sprecherisch und mimisch die alten Zeilen lebendig und begreifbar macht […] Trotz hohen Tempos entschlackt die Regie Lessings Komödie jedoch insgesamt recht gründliche von heiterem Potenzial – eine eigenwillige und etwas einseitige Interpretation, die aber in sich schlüssig und zeitgemäß wirkt. Wenn nach knapp zwei Stunden, am – vorgezogenen – Schluss die Beteiligten allein wie Hoppers „Nighthawks“ am Tresen lehnen, singt Lou Reed vom „Perfect Day“ und bildet so das ironische Pendant zum klassischen Gattungs-Ende.

Kölner Stadtanzeiger

 

Fräulein Minna von Barnhelm simst und fährt Auto

Ein modern geschwungener Bartresen beherrscht die Bühne, im Hintergrund blinkt ein Kaffeeautomat. O Schreck, denkt der Zuschauer, mal wieder der Ver­such, einen Theaterklassiker durch Versetzung in die Gegenwart attraktiv zu machen. Und dann noch die Alltagsklamotten der Schauspieler, wie sie junge Leute heute tragen. Lessings „Minna von Barnhelm“, für viele noch in ab­schreckender Schulerinnerung, steht im FWT Freien Werkstatt Theater auf dem Programm. Doch der anfängliche Schreck vergeht schnell und „Minna“ bereitet ein knapp zweistündiges, pausenloses Vergnügen. Und wird am Freitagabend zu Recht vom Publikum mit langem Premierenbeifall bedacht. […]

Um die Ehre geht es da, um die Macht des Geldes gegenüber der Macht der Liebe, um die Verrohung durch den Krieg. Der Interpretationen gab und gibt es viele, doch für Regisseur Kay Link sind das eher Nebenkriegsschauplätze. Er macht daraus eine rasant inszenierte Liebesgeschichte – und die passt eben genau in unsere Zeit. Selbst die etwas altertümliche Sprache schmiegt sich da bruchlos ein, selbst Anreden wie das vornehme „Mein Fräulein“ – Tellheim zu Minna – oder „Frauenzimmerchen“, mit dem Tellheims Freund Werner mit Minnas Zofe anbandelt, wirken weder veraltet noch despektierlich. Und wenn statt eines Briefes mal eben gesimst wird oder ein Autoschlüssel für die nahende Kutsche durch die Luft fliegt, sind das intelligente, wunderbare Details.

Es ist eine „Beziehungskiste“, in der besonders der Mann mit seiner Rolle kämpfen muss: Tellheim schwankt zwischen Softie (verliebt und nachgiebig) und modernem Macho, der statt in altertümlichem Standesdünkel gefangen ist in Prinzipientreue und männerfreundschaftlichen Idealen. Mit einer Frau wie Minna , die die Initiative ergreift, hat er da seine Schwierigkeiten. Tom Viehöfer und Sandra Pohl in den beiden Hauptrollen liefern feingezeichnete Persönlichkeiten. Unterstützt werden sie von Sina-Maria Gerhardt (Zofe Franziska) und Steffen Casimir Roczek (Paul Werner) und Philipp Schlomm (Tellheims treuer Diener Just). Und als gerissener, schleimiger Wirt gibt Hagen Range dem Affen Zucker. Auch das Bühnenbild von Peter Lehmann gehört zur perfekten Teamleistung, die dem Publikum schließlich noch ein überraschendes Ende bietet.

koeln-nachrichten.de

 

Soldatenunglück

Ungemütlich und verdreckt ist die Kneipe, in der Hagen Range als Wirt Schnaps und Bockwurst serviert. An der hinteren Wand hängt ein Kaffeeautomat, an dem sich die Darsteller gern selbst bedienen – nur um dann festzustellen, daß der Inhalt der Plastikbecher ungenießbar ist und man besser seine Kippe drin versenkt. Wir befinden uns in einer zeitlosen Gegenwart. „Es ist Frieden“, schreibt Major von Tellheim seiner Verlobten Minna von Barnhelm per SMS.

Die Inszenierung von Kay Link beginn boulevardesk und bleibt es zunächst konsequent: Das Wiedersehen von Minna und Tellheim nach dem Siebenjähreigen Krieg ist so überschwänglich wie bei „Nur die Liebe zählt“; auch die frivole Kammerzofe Franziska (Sina-Maria Gerhardt) wirft sich mit kurzem Rock und geöffnetem Haar lustvoll an den Wachtmeister heran – so konsequent, dass das Zuschauen Freude macht. Im Untertitel nennt Lessing sein Stück „Das Soldantenglück“. Glück hat Major von Tellheim jedoch eher weniger. […] In Lessings ‚ernstem Lustspiel‘ verfällt der hier Badelatschen-tragende Kreigsveteran in eine Depression. […]. Der Unglückliche liebt anscheinend nicht mehr. Doch ob dies von schrecklichen Kriegserlebnissen, der neuen Arbeitslosigkeit oder seinem verletztem Ehrgefühl her rührt, lässt Link offen. Major von Tellheim (Tom Viehöfer) findet Minna (Sandra Pohl) auf jeden Fall zu gut für sich. Oder zu reich. […]

„Wir zaudern“, sagt Minna – anstatt wie bei Lessing zur Liebe zurückzukehren, sitzen die beiden sprachlos und verletzt am Tresen und trinken einen letzten Schnaps, ein Happy End sieht anders aus. So ist aus einem heiter inszenierten Boulevardstück doch eine Tragödie geworden. Vielleicht nicht ganz so, wie es Lessing vorsah, aber bestechend in der (beziehungsgestörten) Logig von heute.

aKT

 

Kay Links dritte Inszenierung am FWT schürte große Erwartungen. Die ersten zwei „Die Erzählung der Magd Zerline“ und „Wozeck³“ waren für den Kölner Theaterpreis nominiert. Jetzt zeigt er eine moderne „Minna von Barnhelm“. [...] Das sympathische Ensemble bereitet einen kurzweiligen Abend, und die großen Erwartungen bestehen nicht zu unrecht.

Kölner Stadtrevue

Regie:
Ausstattung:
Peter Lehmann
Dramaturgie:
Inken Kauter und Gerhard Seidel
Major von Tellheim:
Werner:
Steffen Casimir Roczek
Just:
Philip Schlomm

 

 

Minna von Barnhelm ist für mich die Geschichte zweier Radikaler: Minna, die selbstbewusste Frau, die Tellheim bereits liebte und wollte, bevor sie ihn jemals getroffen hatte.

Und Tellheim, der Kriegstraumatisierte und öffentlich Verurteilte, der sich und seiner Liebe im Weg steht. Auch wenn inzwischen Frieden herrscht - der Beziehungskrieg geht weiter. Ihre Waffen – geschliffene, messerscharfe Dialoge. Minna treibt ihren Gefühlsterrorismus schließlich zu weit – und verpasst den Absprung aus einem grausam gewordenen Spiel.

Peter Lehmannn (Bühne und Kostüme) hat das Gasthaus in eine schrammelige Hotelbar verwandelt, einen Transitraum, wo sechs heimatlose Menschen aufeinandertreffen.

Gemeinsam mit dem Dramaturgen Gerhard Seidel haben wir eine sportliche 100-Minuten-Fassung erstellt, ein junges Ensemble bringt Lessings wunderbare Sprache so leicht und direkt über die Rampe, dass man vergisst, dass dieser Text bereits vor 250 Jahren geschrieben wurde.