< >

Adelina

Opera semi-seria von Pietro Generali

»Eine kleine Sensation« focus.de

»Bedenkenswerte Inszenierung« OPERNWELT

»Radikal gegenwärtig« Das OPERNGLAS

Musikalische Leitung:
Regie:
Bühnenbild:
Ausstattung:
Adelina:
Varner, ihr Vater:
Simone, Nachbar und Lehrer:
Elier Muños
Carlotta:
Erneville, Adelinas Gelieber:
Firmino:
Ugo Rabec
Jacopo, ein Junge aus dem Ort:
Patrick Schneider
Rezitativbegleitung:
Eliseo Castrignanò
Orchester Virtuosi Brunensis

„Rossini in Wildbad“ überzeugt mit Neuentdeckungen
„Adelina“, eine Oper des Rossini-Konkurrenten Pietro Generali, wurde auch von der Kritik als kleine Sensation gewürdigt.

focus.de / dpa

 

Radikal Gegenwärtig
Pietro Generalis Einakter »Adelina« erwies sich nicht nur als Lehrstunde in Sachen Musikgeschichte, sondern darüber hinaus als unerwartete Trouvaille, qualitativ den frühen Farsen Rossinis musikalisch ebenbürtig und durchaus mit Einfluss auf den Kollegen.
Kay Link inszenierte die „Macht der Natur“, so der Untertitel, 200 Jahre nach der erfolgreichen Uraufführung als moderne Reflektion über Moral und Doppelmoral einer kleinbürgerlich spießigen Gesellschaft. Die sieht der Regisseur im trügerischen Idyll der Schweiz, wo das Stück tatsächlich spielt, heute so präsent wie damals. Mit spielerischem Drive und einer humorvollen Gratwanderung […] gelang es Link, selbst schwächere Passagen der Partitur mit hintersinnig witzigen Details zu beleben. Das hatte gleichsam Pfiff wie Tiefgang und kam trotz des radikal gegenwärtigen Ambientes (Bühne: Anton Lukas), das selbst einen funktionstüchtigen Zweitakt-Rasenmäher mit einschloss, gut an.

Das Opernglas

 

Mit Rossini auf Du und Du
Auf Anton Lukas Bühne bröckelt der Schweizer Bergkitsch zusehends und macht einer Hochhauskulisse Platz. […] Auf diese [Aktualität] hebt auch Kay Links bedenkenswerte Inszenierung ab. […] Dann nämlich, wenn Adelina – statt das Happy End auszukosten – sich am Schluss ihren Kinderwagen schnappt und zeigt, dass sie von ihren lieben Nächsten die Nase voll hat. […] Dabei wurde so deutlich wie selten zuvor: Ist Pesaro ein Meeting der Weltstars, so sind sie in Bad Wildbad in statu nascendi zu erleben. Da, denkt man sich, müssten unsere Intendanten am Bühneneingang Schlange stehen, die Vertragsentwürfe in der Hand.

Opernwelt

 

Belcanto Opera Festival in Wildbad
Unverändert sind die hohen Ansprüche des Festivals an Qualität und Quantität der Eigenproduktionen. Dabei überrascht das Festival mit neuen Ideen, neuen Perspektiven. Selten gespielte Werke von Rossini sind dort ebenso zu erleben wie unbekanntere Werke seiner Zeitgenossen. Auf der Bühne stehen oft junge Sängerinnen und Sänger, die am Beginn einer großen Karriere stehen. Bernhard Doppler ist eigens in den Schwarzwald gefahren, um die Adelina von Pietro Generali mitzuerleben. […]
Der Regisseur Kay Link hat die ländliche Idylle eher als bürgerliche Enge interpretiert. Das Bühnenbild: ein Riesenpuzzle einer Schweizer Urlaubslandschaft, davor zwei Müllcontainer. Auf einem ein Wahlplakat mit dem Bild des Bauern Varner. Er ist offensichtlich Schweizer Politiker. Der Plot wird geradlinig erzählt. Es ist in der farsa nicht die Zeit für die geschlossene Welt des Komischen oder die geschlossene Welt des Tragischen. Insofern kann man in der Welt der farse eine Haltung gegenüber der Oper entdecken, die durchaus wieder aktuell sein könnte: Oper für den Alltag.

Deutschlandradio Kultur

 

Modernes Musiktheater
„Adelina oder Die Macht der Natur“ (1810) von Pietro Generali (1773–1832). Dieses Rührstück macht nicht nur mit dem Umfeld Rossinis bekannt, sondern entpuppt sich in der klugen Inszenierung von Kay Link als modernes Musiktheater. Adelina, die von ihrem Vater wegen eines unehelichen Kindes verstoßen wird, kann sich mit Hilfe ihres aufklärerischen Lehrers durchsetzen – ein ebenso satirisches wie emanzipatorisches Melodrama über Eros und soziale Verantwortung. Die Aufführung mit jungen begabten Sängern, dem brillanten Rezitativbegleiter Eliseo Castrignano und den in Wildbad bei allen Produktionen spielenden Virtuosi Brunensis wird von Giovanni Battista Rigon souverän geleitet.

Stuttgarter Zeitung

 

Kostbare Ausgrabung aus dem Rossini-Umfeld
Regisseur Kay Link legte sein besonderes Augenmerk auf die trügerische Brüchigkeit der Schweizer Idylle und deutete an, dass Adelina in diesem selbstzufriedenen Biedersinn auch nach der Aussöhnung mit ihrem bigotten Vater keine Zukunft sieht:  während die Dorfgemeinschaft die vermeintlich wieder hergestellte Harmonie feiert, geht die junge Mutter samt Kind ihrer eigenen Wege.

Badische Neueste Nachrichten

 

Moderne Erstaufführung
Kay Link hat die durchaus zeitlose Geschichte vorsichtig ins Heute transferiert, wobei das immer mehr Teile verlierende Puzzle einer Schweizer Berg-Idylle auf der Rückwand (Bühne: Anton Lukas) ironisiertes Klischee wie auch unveränderter Ausdruck enger Moralvorstellungen ist. Die Personen in heutigen bzw. leicht stilisierten ländlichen Kostümen (Claudia Möbius) sind hier gerechtfertigt, weil sich deren Träger auch passend dazu bewegen dürfen und vom Regisseur sinnvoll zwischen Aktion und Stillstand geführt werden.

Der Neue Merker

 

Originell – „Adelina“ im königlichen Kurtheater Bad Wildbad
Die Oper wurde vom Regisseur Kay Link in ein modernes Gewand gesteckt. Das Bühnenbild besteht aus einem großen Puzzle, das eine idyllische Schweizer Landschaft darstellt. Mit fortschreitender Handlung fallen Teile des Puzzles (mit viel Lärm) herab, so daß ein Panorama mit Wohnblocks sichtbar wird - ein origineller Einfall. Die Personenregie war sehr lebendig – aufgeweckt, jedoch nicht überdreht. Vokal wurden die Zuschauer ebenfalls verwöhnt.

www.operagazet.be
(Übersetzung: Google)

Bei Naxos ist 2015 ein Mitschnitt dieser Inszenierung auf Doppel-CD erschienen.
Hier geht es zur 'World Premiere Recording' von Adelina: http://www.naxos.com/catalogue/item.asp?item_code=8.660372-73

Adelina - eine moderne Opernfigur

 

Bei meiner ersten Lektüre des Librettos von Adelina war ich mir nicht ganz sicher, ob so ein Stoff heute noch für die Opernbühne taugt. Die detailverliebte Schilderung des Schweizer Bergdorfes mit Bächlein und Brückchen - ein perfektes Schäfer-Idyll, das aus der Feder eines Salomon Gessners hätte stammen können. Die Geschichte eines gefallenen Mädchens, dem schließlich, vor dem Vater kniend, vergeben wird - was erzählt uns das heute? Nun gut, da war die herrliche Musik von Pietro Generali, doch Musiktheater ist eben mehr als theatermuseale Erinnerung.

 

Was also liegt unter der Schweizer Bergidylle, den Hirtenklängen und hochdramatischen Leidens-Arien, was ist der Kern der Geschichte von Adelina? Zunächst ist da eine alleinerziehende Mutter, vom Vater ihres Kindes noch vor der Geburt verlassen, wahrscheinlich auch finanziell in prekärer Lage. Da ist ein Vater mit rigiden Moralvorstellungen, ein Reaktionär, dem der Skandal, die öffentliche Meinung über das Wohl der Tochter geht. Diese junge Frau ist ganz auf sich allein gestellt und sie unternimmt den Versuch, dem Vater die Wahrheit zu sagen, Wahrhaftigkeit in der Beziehung wiederherzustellen. Das klingt auf einmal überhaupt nicht mehr antiquiert und verstaubt. Und wenn man sich als Sängerin nicht von den sentimentalen, leicht ins Larmoyante abrutschenden Arien verführen läßt, sondern wie Dusica Bijelic diese Adelina mit kraftvoller Frische und selbstbewußter Klarheit gestaltet, erhält man plötzlich statt eines Schmachtlappens eine moderne weibliche Opernfigur.

 

“Ich kann auch ohne Deinen Segen weiterleben, doch es wäre mir lieber, wenn Du ihn mir gibst” war unser Subtext.

 

Das Interessante ist, dass sich bereits in der Entstehungszeit Librettist und Komponist auf die Seite der Schwächsten, nämlich auf die von Adelina gestellt haben. Vater Varner, der mit ihr bricht und sie verstößt, bereut schließlich und möchte alles am liebsten ungeschehen machen, er sieht ein, was er seiner Tochter im verwundbarsten Moment angetan hat. Das heißt: Das für uns heute schwer erträgliche Ende der Oper (Adelina bittet auf Knien um die Vergebung des Vaters, um wieder zu Hause und in die Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden) verstellt den Blick darauf, dass Varner derjenige ist, der gefehlt hat. Das progressive Potential der Oper, das sich gegen unmenschliche Moralvorstellungen wendet, diese Parteilichkeit zugunsten des Anderen, des Außenseiters, des Fremden, gilt es freizulegen und in einer Inszenierung in heute verständliche Bilder zu übersetzen. Dazu muß man nur genau in dieses Werk hineinhören und hier und da das Vorhandene etwas zuspitzen.

 

Varner, im Original ein reicher Dorfbewohner, ist bei uns Politiker einer, ganz seinen Moralvorstellungen entsprechend, rechtskonservativen Partei, mitten im Wahlkampf um das Bürgermeister-Amt. Kein Wunder also, dass ihm da eine unverheiratet geschwängerte Tochter nicht in den Kram paßt. Auch bei uns stellt er seinen Ruf, seine Interessen über das Wohl der Tochter. Die Schwester Carlotta, die man als Inbegriff der sittsamen und unschuldigen Tochter lesen könnte, hat es in Wirklichkeit faustdick hinter den Ohren. Das ironische Augenzwinkern des Komponisten darf man nicht übersehen, wenn statt einer blassen Nebenfigur ein kraftvoller Gegenentwurf zu Adelinas Weg aufblitzen soll. Clever wickelt sie den Vater eigennützig um den Finger. Aus einer anderen Randfigur (dem Bauern Jacopo, der im Original nur einmal auftritt, um das Baby zu bringen) wurde bei uns ein liebenswertes Faktotum, ein dem inzestuösen Dorfleben geschuldeter, zurückgebliebener Junge, der genauso gut ein unehelicher Sohn Varners sein könnte.

 

Das perfekte Happy End der Oper läßt uns skeptisch werden. Kann Adelina tatsächlich dort weitermachen, wo sie vor 18 Monaten aufgehört hat? Hat die Verstoßung und Verfluchung durch den Vater nicht einen Riß zurückgelassen? Wird der unreife Erneville ein zuverlässiger Vater für die gemeinsame Tochter sein? Kann Adelina sicher sein, dass er sie nicht bald wieder über Nacht verläßt, um sich seinem Kumpel Firmino dann - statt in Amerika - anderswo militärisch auszutoben? Möchte sie, nachdem sie nun längere Zeit in der Stadt gelebt hat, tatsächlich mit Sack und Pack in dieses Dorf, zu diesen Menschen zurückkehren?

 

Und überhaupt die Schweiz. Das Verlogene der Idylle, die weder zu Generalis Zeiten existiert hat noch heute besteht, das geradezu Eidgenössisch-Schizophrene zwischen Heidi mit Milka-Kuh und knallharter Zürcher Bankenwelt, zwischen liberaler Neutralität und Minarett-Verbot, muß in einer heutigen Inszenierung mitgedacht werden. Fast unerträgliche Naturschönheit trifft in Anton Lukas’ Bühnenbild auf das Waschbetonparadies der Kleinbürgerwelt.

 

Adelina ist eine opera semi seria, die Elemente der opera buffa und der dramatischen, ernsten Oper vereinigt. Wie geht das Komische - der Pädagoge und Nachbar Don Simone steht als einziger noch ganz in der Tradition der opera buffa - mit den existentiellen Ängsten einer Adelina zusammen? Während der Arbeit habe ich erst richtig begriffen, wie clever dieser auf den ersten Blick fragwürdige Genre-Zwidder gestaltet ist. Gerade im Kontrast zwischen Komödie und Tragödie liegt der Genuß beim Erleben von Adelina. Deshalb haben wir eben auch die komischen Elemente und Situationen gesucht und verstärkt, das heißt, die Fallhöhe noch vergrößert. Eine einseitige Entscheidung hätte diese Opernform ihrer Eigentümlichkeit beraubt. Ich freue mich, dass wir exakt 200 Jahre nach ihrer Uraufführung Pietro Generalis Adelina als aktuellen Beitrag zum Musiktheater wieder dem Publikum präsentieren können.

 

Kay Link