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Medea

Oper in vier Bildern von Aribert Reimann

»Ein Musiktheaterabend, an dem einfach alles stimmt.« opernwelt

»Ein großes Ereignis« Deutschlandradio Kultur

»Kay Links Essener Inszenierung wird bleibende Aufmerksamkeit auf sich ziehen« Neue Musikzeitung

»Diese Medea ist faszinierend, und die Inszenierung des Aalto-Musiktheaters macht sie zu einem grandiosen Theaterabend.« Place de‘l Opera / operamagazine.nl

Bei der Kritikerumfrage der Welt am Sonntag  gaben zwei Kritiker – neben »Der Freischütz« von Tatjana Gürbaca – Kay Links Inszenierung von »Medea« das Prädikat:
 »Beste Inszenierung«

Welt am Sonntag Nr. 34, 25. August 2019

HIER gelangt man direkt zum Trailer von THEATER TV.

 

Zu weiteren Ausschnitten aus der Inszenierung samt einem Interview mit Claudia Barainsky geht es Sie HIER.

Messerscharf

Am Ende, als die Kinder erdolcht sind, das Feuer erloschen, steht sie wieder alleine da: die Ausgestoßene. Selten war das Schwarz der Hinterbühne so erbarmungslos und leer wie in den letzten Takten dieser Medea am Essener Aalto Theater: »Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.« [...]

Aribert Reimanns Oper beginnt wie das Drama Grillparzers vor den Toren Korinths, wo die Flüchtenden Hilfe erhoffen. Jason und die Kinder werden aufgenommen, Medea ist als Fremde unerwünscht. Ihre Rache wird blutig.

In Kay Links Inszenierung herrscht König Kreon in einem futuristischen Bau, der locker einen Designpreis gewinnen würde. Bühnen- und Kostümbildner Frank Albert hat das grau verschalte Vieleck auf kühle Betonmauern gestellt. Etliche Treppen führen hinunter, von denen die Bewohner hochmütig auf Ankömmlinge herabblicken. [...]

Wie fehl am Platz wird da Medea in ihrem blutroten Mantel! Unbeholfen ahm sie die koketten Bewegungen nach, schlüpft in ein blaues Kleid, will dazugehören – doch ihre feuerroten Haare verraten sie in jeder Sekunde. Der Regisseur unterstreicht die stetige Ausgrenzung, indem er scheinbar harmlose Demütigungen aneinanderreiht. Kreusa etwa stellt sich auf der Treppe immer ein paar Stufen über Medea, flirtet vor ihren Augen mit Jason.

Als Symbol der Auflehnung gegen ihre Umwelt, die reich an Gütern, aber arm an Mitgefühl ist, schmettert Medea wutentbrannt Kreusas Geige zu Boden. Holz splittert, Fronten verhärten. Im Bühnenhintergrund schleichen Schattenfiguren umher, Metaphern für die dunklen Mächte Medeas. Sie erwecken das verfluchte Vlies wie von Zauberhand zum Leben, lassen das goldene Tuch geheimnisvoll um Medea herumwabern. Auch Jason distanziert sich zunehmend von ihr. Die Tattoos auf seinen Oberarmen lassen eine wilde Vergangenheit erahnen; kaum in Korinth angekommen, tauscht er den militärgrünen Overall gegen einen schicken Anzug und spielt den kultivierten Bürger.

Doch ohne Reimanns Musik wäre das alles nur halb so zehrend, brutal und bitter. Von den ersten dumpfen Tamtam-Schlägen bis zur pfeifenden Piccoloflöte im letzten Takt herrscht frost-klirrende Beklemmung. Streichercluster irren umher, mit Wucht b rechen Blechbläserstürme herein. [...]

Ein Musiktheaterabend, an dem einfach alles stimmt. Ein starkes Stück, stark interpretiert, dazu eine bildgewaltige, musikalisch stimmige Inszenierung. Nicht enden wollender Applaus und viele Bravo-Rufe sind, nachdem das Unbehagen gewichen ist, der verdiente Lohn.

Opernwelt

 

Mustergültig

»Mit Grillparzers Drama hat Reimann wirklich einen Schatz gehoben. Es sind Pointen des Kummers, die der Dichter hier in graziöser Unerbittlichkeit zu einem Text gewoben hat. Dich ist die Sprache, aber leicht. Sie nimmt das geringe Wort und gibt ihm Gewicht. Ihr Pathos kommt aus dringlicher Schlichtheit.
Zurückhaltend ist die Inszenierung von Kay Link, die von der Ausgrenzung des Fremden vor einer futuristischen Wohlstandsfestung (Bühne: Frank Albert) erzählt. Der finale Auftritt Medeas mit dem Goldenen Vlies, das sie nach Delphi, von wo es ursprünglich geraubt worden war, zurückbringen will, hat einen Zauber, als wäre nach allem Schrecken noch ein gutes Ende möglich.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

Großes Ereignis
»Dadurch dass sich Aribert Reimann für Grillparzer entschieden hat, ist es gar nicht so diese skellettartige, ein bißchen holzschnittartige, aber ungeheuer stark wirkende Geschichte mit ganz wenigen, ganz einfachen Komponenten: Medea wird verlassen, sie rächt sich an ihrem Mann, indem sie die gemeinsamen Kinder tötet und damit natürlich auch sich selber ungeheures Leid zufügt. Das ist so die antike Version, die wir sehr gut kennen. Die Reimannsche Version bietet sehr viel mehr von dem ganzen Umfeld, also sehr viele Szenen in denen Medea und Jason und die Kinder, an diesem Hof des Königs, wo sie Zuflucht suchen, wo sich dann das Verhältnis zwischen Jason und der Königstochter entspinnt, mit dem sich dann Medea betrogen wird, all dies ist sehr viel breiter belichtet. […] Der Abend zieht ganz gewaltig an im zweiten Teil, wenn es dann natürlich zu dem schrecklichen, zu diesem ungeheuren Ausnahmezustand der Medea kommt. […]
Ein großes Ereignis, an dem ungeheuer viele Schwierigkeiten im Vorfeld zu überwinden waren, aber das haben alle Beteiligte wirklich unter großem Einsatz und einem großen Ergebnis hingekriegt. Und der Abend ist so angelegt, dass er sich kontinuierlich steigert, gerade darin, dass er immer stiller und immer intensiver wird.«
Deutschlandfunk Kultur (Sendung Fazit)

 

Medea triumphiert – eindrucksvolle Premiere am Aalto Theater

»Mit der Eigenproduktion der „Medea“ von Aribert Reimann haben die Macher dabei alles auf eine Zahl gesetzt und hoch gewonnen, obwohl es in dieser 2010 uraufgeführten Oper eigentlich nur Verlierer gibt. […] Reimann geht es… weniger um die kindermordende Bestie als vielmehr um ein Opfer, das sich wehrt. Sie ist eine Fremde auf der Flucht, die nirgends akzeptiert wird und am Ende sogar noch Gutes tut, indem sie das in ihrem Besitz befindliche goldene Vlies wie ein Stück Beutekunst zurückerstattet. […]
Kay Link und sein Ausstatter Frank Albert inszenieren die von der Handlung her unkomplizierte Oper klar und unspektakulär. Außer einer schwarzen Bühne gibt es bei ihnen nur die hoch aufragende futuristische Villa des Königs Kreon: von dünnen Säulen getragen, mit asymmetrischen Treppenaufgängen und großem Panoramafenster, unten drin eine finstere, verliesartige Einliegerwohnung. […] Claudia Barainsky ist eine Idealinterpretin der musikalisch vielschichtigen, extrem herausfordernden Medea. […] Das ist zeitgenössische Oper vom Feinsten!«
Ruhr Nachrichten

 

Die Tragödie einer starken Frau
»Claudia Barainsky geht in dieser Partie als Sopranistin von Ausnahme-Format in der differenzierten Charakterzeichnung restlos auf. Wir erleben weder eine hysterische Furie noch eine blutrünstige Hyäne. Erhellend streift die aufs Elementare reduzierte Inszenierung des jungen Regisseurs Kay Link mit aller Brisanz die aktuelle Flüchtlingsthematik… Fesselnd durchtost Claudia Barainsky die Facetten inneren Aufruhrs und enttäuschter Hoffnung.«
Recklinghäuser Zeitung

 

Seelenpein einer Außenseiterin
»Was Reimann, aber auch Regisseur Kay Link, umtreibt, ist weniger das unvorstellbar Monströse, das Medea im Laufe der Rezeptionsgeschichte aufgeladen wurde. Vielmehr geht es um eine Außenseiterin, eine Flüchtige aus ihrem eigenen Land, die von ihrem Mann Jason benutzt, geliebt vor allem aber verraten und verlassen wird, sobald sie in Jasons alter Heimat anlanden. […]
Im Zentrum der Bühne von Frank Albert steht Kreons Burg, die wie ein riesiger Hochsicherheitstrakt daherkommt, dessen Tore sich nur zögerlich für die Neulinge öffnen. Dicke Mauern, Treppen, Gitter und höhlenartige Substrukturen – die Sphäre Medeas — illustrieren die Geschichte der zerklüfteten Seelenzustände der Protagonisten. Es gibt eindrucksvolle Bilder, wenn Medea ihrer Rivalin Kreusa Feuer schickt. Manches wirkt verspielt, wie die Videoeinspielungen, die die Erzählung des Boten simultan sichtbar machen […]. Eine Premiere ganz ohne Buhs aus dem Publikum.
WAZ

 

Kraftvoll
»Barainskys Medea ist furchtlos und trotzig. […] Regisseur Link bebildert die Geschichte mit sparsamer Symbolik, wirft grelle Lichter auf Schlüsselmomente. […] Ein starker Abend.«
Westfälischer Anzeiger

 

Großartig
»Reimanns „Medea“ feiert am Aalto eine großartige Premiere« NRZ

 

Aribert Reimanns Medea in Essen gefeiert
»Medeas Rache ist grausam: erst tötet sie hinterlistig ihre Nebenbuhlerin, Jasons alte Jugendliebe Kreusa. Dann sind ihre eigenen Kinder an der Reihe, die Medea buchstäblich über die Klinge springen lässt. Sicher nicht leichtfertig. Denn Medea ist in Aribert Reimanns Oper kein Monster, sondern eine Frau mit zutiefst menschlichen Gefühlen und reich an negativen Erfahrungen der Ausgegrenztheit, der Verletztheit, enttäuschter, ja verratener Liebe.
Dies alles spürt man in den rund 150 Minuten auf der Bühne des Aalto-Theaters, die allen Beteiligten
, dem Orchester, den Solisten und schließlich auch dem anwesenden Aribert Reimann nach der Premiere einen wahren Beifallssturm einbrachten.
Regisseur Kay Link inszeniert das Drama als einen sehr heutigen Konflikt mit viel zwischenmenschlicher Psychologie, aber auch sozialen Ausgrenzungsmechanismen:
Medea ist die „fremde Zauberin“, und bleibt es auch, weil sich ihr Gatte Jason als Opportunist outet, der lieber bei Kreon seine Haut rettet statt seiner Beziehung. – für Medea eine ausweglose Konstellation.
Westfälische Nachrichten

 

Neuinszenierung vom Publikum heftig gefeiert
Unser Autor Christoph Schulte im Walde kommt begeistert vom Besuch von Aribert Reimanns Oper „Medea“ am Aalto-Theater Essen zurück. Da schien alles gut ineinander gegriffen zu haben. Herausragend: Claudia Barainsky in der Rolle der Medea. Kay Links Essener Inszenierung werde bleibende Aufmerksamkeit auf sich ziehen, meint unser Autor.

»Regisseur Kay Link und sein Ausstatter Frank Albert finden für Reimanns (sich an Franz Grillparzers Drama orientierende) „Medea“ starke Bilder, die in ihrer Klarheit der Essenz der antiken Sage nachspüren und diese unmittelbar direkt erzählen. Ihren Fokus richten sie ganz auf die handelnden Personen – in einem Bühnenbild, das kühl und sachlich wirkt, zu Beginn sogar ein leeres Areal präsentiert. Nur Medea und eine schwarze Kiste, in der sie ihre Zaubersachen verstaut. Kurz darauf wird eine Drehbühne nach vorn geschoben: Kreons Palast, ein Betonbau mit vielen Treppen, viel Glas und Stahl. Gleich wird klar, dass ungezügelte Emotionen hier keinen Platz haben. Sie gehören eingesperrt in die Raubtiergrube, die der König sich angelegt hat. Menschen wie Medea können hier nicht heimisch werden, jedwede Form von Assimilation ist unmöglich.
Kay Links Essener Inszenierung wird bleibende Aufmerksamkeit auf sich ziehen«.
Neue Musik Zeitung nmz.de

 

Beachtlich

Reimanns Symapthien liegen recht eindeutig bei Medea. Er meint sogar, dass man „ihr viel angetan hat“ im Laufe der Jahrhunderte seit Euripides. Der Regisseur Kay Link scheint diesen Gedanken für seine Inszenierung aufgegriffen zu haben, denn er ist sichtlich bemüht, Medea das Odium der Kindesmörderin so weit wie möglich zu nehmen und sie stattdessen als eine moderne Frau darzustellen, die einen starken Gerechtigkeitssinn hat und gegen die ihr angetanen Diskriminierungen zu kämpfen bereit ist. Und kämpfen kann sie, nicht nur mit allen Mitteln einer Frau, sondern auch ganz konkret mit ihren Fäusten, wenn sie sich in ihrer Verzweiflung wutentbrannt auf Jason stürzt, um ihn zum Umdenken zu bewegen. […]

Das Premierenpublikum bedankte sich bei allen mit enthusiastischem Applaus.

Opernglas

 

Szenen einer gescheiterten Ehe

Ein Ehedrama in antiken Dimensionen - Kay Link inszeniert Aribert Reimanns Medea in großen Bildern  

Man möchte auf mildernde Umstände plädieren. Nicht nur für den Mord an der unsympathischen Nebenbuhlerin Kreusa, sogar für die Tötung der beiden eigenen Kinder. Wobei das Programmheft in dieser Sache ein wenig über das Ziel hinaus schießt, wenn es Mutterschaft und Mutterliebe als kulturelles Konstrukt des bürgerlichen Zeitalters interpretiert. Aber solche provokanten Positionen wollen vielleicht weniger beim Wort genommen werden als vielmehr den Blickwinkel erweitern. Der Mord an den Kindern wird in Franz Grillparzers Medea-Drama und der Vertonung von Aribert Reimann auf Medeas psychologische Motive hin befragt. Die ist keineswegs eine Furie, sondern kalkulierende Täterin und Opfer zugleich.

Doch der Reihe nach: Medea sucht mit Jason und den beiden gemeinsamen Kindern Schutz in Korinth, weil sie (fälschlich) des Königsmords angeklagt sind. Diesen Schutz will Kreon, Herrscher von Korinth, nur Jason und den Kindern gewähren, nicht der fremdländischen Zauberin Medea, deren Verbindung zu Jason die einst geplante Vermählung von Kreons Tochter Kreusa mit Jason scheitern ließ. Medea wird verstoßen, Jason arrangiert sich erneut mit Kreusa, und keines der Kinder will der Mutter folgen – was zum erwähnten Dreifachmord führt. Eine Konstellation für ein bürgerliches Trauerspiel also – wäre Medea nicht mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet und hätte nicht Jason geholfen, das "goldene Vlies" zu erobern, Sinnbild für Macht und, weil diesem Vlies ein Fluch anhängt, für Untergang (man erkennt schnell die Parallelen zu Wagners fluchbeladenem Ring des Nibelungen).

Komponist Aribert Reimann selbst hat Franz Grillparzers Drama Medea, das den Abschluss der 1820 vollendeten Trilogie Das goldene Vlies bildet, zum Libretto verdichtet. Reimannns melismatischer Gesangsstil unterstreicht dabei den gleichermaßen kunstvollen wie prägnanten Sprachstil – man muss sich ein wenig einhören in diese sorgfältig ausformulierten Gesangslinien, die jedem Wort Bedeutung verleihen. Die Musik illustriert nicht, schafft weniger eine emotionale dramatische Zuspitzung als mehr Klangräume, die die Figuren umgeben – am Offensichtlichsten in der Figur der ein wenig kapriziösen Kreusa, die mit einer kalt-silbrigen Aura aus Harfe und Celesta umgeben ist. Weil die Musik ihre eigene Zeit einfordert, betont sie weniger den unmittelbaren Affekt, als dass sie Querbezüge schafft. Der neu verpflichtete erste Kapellmeister Robert Jindra setzt das mit denen an diesem Abend ausgezeichneten Essener Philharmonikern ganz hervorragend um. Die Musik klingt kammermusikalisch klar, trotz großem Orchester nie massig, die Sänger werden nicht zugedeckt. Jindra interpretiert die Partitur sachlich, fast nüchtern, schichtet behutsam die registerartigen Klangflächen übereinander und stellt eben die kunstvolle Distanz her, die diese intellektuell reflektierte Medea vom Opernschocker trennt.

Regisseur Kay Link balanciert die Oper in klaren, prägnanten Bildern aus zwischen wuchtigem Antikendrama und moderner Ehetragödie. In den zunächst leeren Bühnenraum fährt ein abstrakter Palast herein, der sich nach Drehung als veritables Einfamilienhaus von nicht ganz billiger Architektur deuten lässt (Ausstattung: Frank Albert). Medea in Rot (leider im unvorteilhaften Hosenanzug), ihre Söhne in Rotbraun, Jason in Grün und Gora, Medeas Amme und Vertraute, in Braun setzen sich zunächst deutlich ab vom Blau Kreons und Kreusas – wenn Jason und seine Söhne sich ebenfalls in diesem Blau kleiden, wird in elementarer Bildsprache der Frontenwechsel und Medeas Isolation deutlich. Die Charaktere werden bewusst holzschnittartig gezeichnet. Machtmensch Kreon etwa verfüttert wiederholt Fleischstücke an offenbar sehr gefräßige (unsichtbare) Tiere – in deren Verschlag wird später der Bote, der die Nachricht von Jasons und Medeas Verurteilung verkündet, kurzerhand entsorgt. [...]

Link widersteht der Versuchung einer Überpointierung. Tatsächlich gibt es einzelne Passagen von geradezu überrumpelnder Aktualität wie etwa Jasons Aufforderung an Medea, das Kopftuch abzulegen und sich den Sitten des Gastlandes anzupassen. Link lässt die Passage im Raum stehen (ohnehin wird jeder Zuschauer die Brisanz erkennen). Die Ermordung der Kinder geschieht hinter der Szene – vielleicht gibt es gar keinen realen Mord, sondern nur einen symbolischen – eine emotionale Ablösung Medeas? Die Stärke der Regie liegt in ihrer Vielschichtigkeit, die mit eindrucksvollen Bildern Assoziationen in verschiedene Richtungen zulässt, aber nicht aufdrängt.

Claudia Barainsky hat die Titelpartie bereits 2010 bei der deutschen Erstaufführung in Frankfurt gesungen und bewältigt die vertrackten, gleichwohl (nach ihrer Aussage) sehr gut singbare zerklüftete Riesenpartie mit bestechender Sicherheit und Selbstverständlichkeit. Ein klein wenig fehlt ihrer Stimme an dramatischer Spitze. Bariton Sebastian Noack ist ein großartiger, gleichermaßen kraftvoller wie klangschöner Jason. Liliana de Sousa bewältigt souverän die Koloraturen der Kreusa, Rainer Maria Röhr gibt Vater Kreon mit nicht zu scharfem und nicht zu leichtem Charaktertenor. Marie-Helen Joël als warm- und volltönende Amme Gora und Countertenor Hagen Matzeit als markant-präsenter Bote runden ein ausgezeichnetes Ensemble ab.

FAZIT: Reimanns kühl-grandiose Medea wird in faszinierenden Bildern und auf musikalisch eindrucksvollem Niveau in den Rang eines modernen Klassikers erhoben – ein Ereignis.
Online Musik Magazin omm.de

 

Auf der Suche nach Liebe
Der euphorische, kaum enden wollende Jubel nach der Premiere am Essener Aalto-Theater, der ersten echten Neuinszenierung des Werks seit der Wiener Uraufführung, scheint die Zugkraft des Werks zu bestätigen. Und das, obwohl Reimann keine leichte Kost bietet.[…]
Regisseur Kay Link verzichtet auf klischeehafte Verzweiflungs- oder gar Wahnsinnsgesten der Figur, die ihre Taten kontrolliert plant und ausführt. Dadurch agiert Medea in Essen völlig untheatralisch und merkwürdig „alltäglich“. Wir erleben eine Frau, die an ihrer unerfüllten beziehungsweise von Jason verratenen Liebe leidet und an der Trennung von ihren Kindern zu zerbrechen droht. Auch die Männer erhalten kein übermenschliches Format. […]
Es sind keine spektakulären Gesten, die
Links Personenführung bestimmen. Und auch Ausstatter Frank Albert huldigt der Kunst der Reduktion. Die dunkel ausgeleuchtete Bühne bleibt oft leer. Ansonsten reicht eine recht einfache Treppenkonstruktion mit einer überdachten Balustrade, um die Spielorte völlig angemessen anzudeuten.

Begeisterter, langanhaltender Beifall im Stehen für eine zeitgenössische, wenn auch traditionell gestrickte Oper. Das gibt es nicht oft.
O-Ton

 

Politische Ordnung und Gefühlschaos

Am Ende begegnen sie sich noch einmal, aber einen gemeinsamen Weg wird es für Medea und Jason nicht mehr geben. Hat sie die gemeinsamen Kinder ermordet, nachdem er ihre Liebe verraten hat? Um für sich eine glorreiche Zukunft zu bauen als Erbe des Königs Kreon und Ehemann der Königstochter Kreusa? Gründlich gescheitert ist das, was einst als amour fou begann: Medeas Leidenschaft und Jasons Opportunismus bilden unüberbrückbare Gegensätze. Obwohl durchaus noch Anziehung besteht, ist ihnen der Weg zueinander versperrt.
Das verdeutlicht Aribert Reimann in seiner Oper
Medea auch musikalisch. Beherrschen über weite Strecken pure Spannung und eine emotionsgeladene Atmosphäre die Szene, so sind am Schluss alle Kämpfe gekämpft. Resignation, Ergebung ins wohl Unabwendbare legt sich über die Akteure.
Vorher jedoch ist die Bühne erfüllt von allem, was das Ende einer Liebe zur Qual machen kann: Ohnmächtig muss Medea zusehen, wie der Mann, für den sie alles getan hat - vielleicht sogar gemordet - sich von ihr entfernt und eine Zukunft für sich in einer Welt aufbauen will, die ihr fremd ist. Heiraten will er Kreons Tochter und Medea ihre eigenen Kinder nehmen. So ungeheuer dieser Plan, so ungeheuer muss ihre Rache sein. [...]
Kühl und sachlich, sehr zweckmäßig Kreons Palast: Ein Betonbau mit Glas und Stahl. Der macht gleich klar, dass ungezügelte Emotionen hier keinen Platz haben. Die gehören eingesperrt in die Raubtiergrube, die der
König sich angelegt hat. Menschen wie Medea können hier nicht heimisch werden, jedwede Form von Assimilation ist unmöglich. Wohl aber für Jason, der auf bekanntes Terrain zurückkehrt. Kay Link stellt die Titelfigur Medea ins Zentrum seiner Inszenierung, lässt ihr Handeln, auch den doppelten Kindsmord als logische Konsequenz ihrer zunehmenden Verzweiflung verständlich werden.

Dem Publikum verlangt Reimanns Medea einiges ab. Es muss sich einlassen auf die Musik und schon genau hinhören. Dann aber erschließt sich eine Welt hochemotionaler Klänge. In Essen unterstützt Regisseur Kay Link dieses Sich-Einlassen durch eine sehr klare, unmissverständliche Deutung. Das Premierenpublikum ist sehr angetan.
Theater Pur

 

Der Kindsmord als klingende Tragödie

Nach Produktionen in Frankfurt, Tokio und Berlin hat Essen nun erneut Claudia Barainsky für die Titelpartie engagiert. Weiß Gott keine schlechte Entscheidung, wie sich am Premierenabend rasch zeigt. Barainsky, die bei der Ruhrtriennale 2006 als Marie in Bernd Alois Zimmermann „Die Soldaten“ glänzte, kennt keine Furcht vor dem aberwitzigen Koloraturgewitter, in das sie als Medea immer wieder ausbrechen muss. Sie schafft es, die für Reimann charakteristischen zackigen Gesangslinien mit Emotion anzufüllen, die Koloratur wie eine Waffe einzusetzen, wann immer die Figur der Medea sich in die Enge getrieben sieht.
Obgleich selbst von eher geringer Körpergröße, verleiht die Barainsky der Titelheldin ein staunenswertes Format. Sie wirft sich mit voller Wucht ins Spiel: nicht etwa als augenrollende Furie, sondern als leidenschaftliche Frau, die wieder und wieder gedemütigt wird. In der Regie von Kay Link, der in Essen bereits „Into the little Hill“ von George Benjamin in Szene setzte, erscheint sie schließlich wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch.
Dazu tragen auch die Kostüme bei. Ganz in Rot gewandet, ist Medea die Fremde, die Außenseiterin gegenüber den Korinthern, die ihr in kühlem Aalto-Blau entgegentreten. Oft lauert sie wie ein Tier unter dem Königspalast des Kreon, ein asymmetrischer, einsehbarer Kubus, der auf hohen Stelzen steht und nur über Treppen zu erreichen ist (Bühne, Kostüme und Video: Frank Albert). Kay Link bewegt die Figuren so, dass Rangordnungen sofort augenfällig werden.

Das Ensemble rund um die Barainsky muss stimmlich kaum weniger Virtuosität beweisen. […] Die Essener Philharmoniker übernehmen eine sehr aktive Rolle in dem Drama, sind quasi der siebte Hauptdarsteller, der ständig mit den Sängern interagiert.
Am Ende erhebt sich das Publikum zu Ehren von Aribert Reimann von den Sitzen. An seinen „Lear“, den das Aalto-Theater vor 18 Jahren in der Inszenierung von Michael Schulz zeigte, mag mancher sich an diesem Abend auch erinnern.«
Revierpassagen

 

Aribert Reimanns Medea hellsichtig

»In der Pause der Neuinszenierung von Aribert Reimanns Oper Medea entdeckt der Besucher, über die Marmorumfassung des Foyers im Aalto-Musiktheater Essen gebeugt, den leuchtend roten Schal einer der Damen der die Treppe hinan steigenden Premierengäste. Kaum anzunehmen, dass das rote Kopftuch der Medea in der Inszenierung von Kay Link vorab als Markierung absichtsvoll ins Publikum geschmuggelt worden ist.
Wie auch immer. Das rot-orange Kleid allerdings sowie der ebenso rote Schal der Medea in der Bühnenarchitektur von Frank Albert lässt unmittelbar an die Treppe zur Villa Malaparte in Jean-Luc Godards Film Die Verachtung denken. Auf Alberts Treppenkonstruktion, die zu einem Gehäuse mit einem großen Panoramafenster führt, inszeniert Link ähnlich wie Godard Szenen einer ambivalenten Liebesbeziehung. […]
In Reimanns selbst verfasstem Libretto, als Oper 2010 an der Wiener Staatsoper uraufgeführt, bedingt diese Grillparzer geschuldete, fokussierte Perspektive, von heute aus betrachtet, eine hellsichtige Unmittelbarkeit in doppelter Funktion – ein Vorgriff einerseits auf die in den Jahren danach anwachsenden Flüchtlingsbewegungen und andererseits auf die Auseinandersetzungen mit Raubkunst und die daraus folgenden Restitutionsansprüche. Eine politische und interkulturelle Gemengelage, die Reimanns Oper Medea unter der Hand außergewöhnlich modern und zugleich tagesaktuell macht.

Die Inszenierung findet, je länger die Aufführung dauert, mit choreografierten Vlies-Schatten-Szenen, die Medea allein Schutz gewähren, mit einem Video-gestützten Vexierbild von Angst und Verfolgungswahn sowie den gegenläufigen Treppauf-Treppab-Bewegungen einen dramaturgischen Durchgriff auf Reimanns ontologisch inspirierte Komposition.
Medeas massiver Imperativ Gebt Raum! funktioniert wie das retardierende Moment in der Tragödie. Das schicksalhafte Endspiel wird angekündigt. […]
Im gedimmten Licht, ihren Körper in das Vlies gehüllt, gleichsam mit ihm für immer verbunden, begibt sich Medea am Ende schicksalbeladen zurück zum heiligen Tempel nach Delphi. Die Musik verhaucht. Geht das Leben weiter?
Freundlicher, laustarker Premierenbeifall im nicht vollständig ausverkauften Aalto-Musiktheater.
Peter E. Rytz Review

 

So wird ausgegrenzt!

»Für eine neues Opernwerk schon gar nicht selbstverständlich, erlebt Reimanns „Medea“ neun Jahre später in Essen bereits seine fünfte Produktion! Wer das Glück hatte oder noch hat, die aktuelle Produktion am Aalto -Musiktheater zu erleben, wird diesen Repertoire-Erfolg sofort nachvollziehen.
Regisseur Kay Link erfindet für die sechs Dramatis personae auf der Essener Opernbühne immer wieder andere Kräfteparallelogramme. Medea, ihre Amme, Jason, König Kreon, Tochter Kreusa, Herold, nebst der beiden stummen Rollen der beiden Kinder werden im abstrakt leeren Raum (erstes und letztes Bild) aber auch in einer von Bühnenbildner Frank Albert entwickelten futuristischen Palastabstraktion auf Säulen und Treppen in immer wieder neuen erschütternden Gruppenbildern gezeigt, die sinnfällig machen, wie Dazugehören und Ausgestoßensein funktionieren. [...]
In der Palastvision, die sich eindrucksvoll von hinten nach vorne schiebt und auch rotiert, agieren die kultivierten Griechen von oben „herablassend“. Die Asylsuchenden hausen unten oder verstecken sich im Schutz von Treppen, bis Jason und die Kinder dann doch gern aufsteigen, um von oben die Raubtiere mit Fleischstückchen zu füttern.«
klassikfavori

 

Stimmige Inszenierung, beeindruckendes Bühnenbild – ein Gesamtkunstwerk!

Die Herausforderung zeitgenössischer Musik trifft auf die Zumutung eines archaischen Stoffs und dank stimmiger Inszenierung (Kay Link) und einem beeindruckenden Bühnenbild (Frank Albert) wird ein Gesamtkunstwerk daraus – so ließe sich die gestrige Premiere von Aribert Reimanns Oper Medea im Essener Aalto-Theater zusammenfassen. […]
Die[se] Zivilisation wird durch einen gewaltigen Aufbau dargestellt, der fast die gesamte Bühnenbreite einnimmt und gefahren werden kann. Die steilen Treppen, die ein Raum auf Stelzen überragt, erscheinen je nach Stand der Drehbühne mal als Stadt, mal als Tempel oder auch als Labyrinth. Doch eines bleiben sie immer: abweisend gegenüber der Frau aus Kolchis. […]
Die Königstochter aus Kolchis, die ihre Kinder tötet, bevor sie sie den Griechen überlässt, die sie verachten, ist gewissermaßen ihrem Wesen nach das Unverständliche, Unerklärliche per se. Ergo ist das, was Reimann, Link, Albert zusammen mit den Musikern und Sängerinnen geschaffen haben, ein Gesamtkunstwerk, das die Anstrengung lohnt.

Blog mischabach.wordpress.com

 

Reimanns Medea beeindruckt in Essen

Eine neue Produktion von Aribert Reimanns Medea eröffnete an diesem Wochenende die TUP Festtage in Essen. Ein grandioses Spektakel. […]
Die Inszenierung von Kay Link wird auch zu einem guten Teil durch das grandiose Bühnenbild von Frank Albert getragen, der auch für die Kostüme und die Videoaufnahmen aus dem Palast des Pelias verantwortlich ist. […]
Ein Medea Abend ist zur Entspannung nicht wirklich zu empfehlen. Auch für die Zuschauer ist es harte Arbeit, den Overkill zu verarbeiten. Doch der Aufwand zahlt sich aus. Diese Medea ist faszinierend und die Inszenierung des Aalto-Musiktheaters macht sie zu einem grandiosen Theaterabend.
Place de‘l Opera / www.operamagazine.nl

 

Exzellente Neuproduktion

Der deutsche Komponist Aribert Reimann, der vor kurzem 83 wurde, hat eine monumentale Medea geschaffen, deren exzellente Neuproduktion zwischen lautstarken Applaus im Essener Aalto-Musiktheater in der Regie von Kay Link und musikalischer Leitung von Robert Jindra Premiere hatte.

Die Bilder sind sehr stark. „Ich bin kein Monster, ich bin kein Mörderin“ sagt die Medea von Reimann, sie wird als eine Frau mit zutiefst menschlichen Gefühlen und reich an negativen Erfahrungen der Ausgrenzung, Schmerz, Enttäuschung, Undankbarkeit und Untreue (Liebe, die von ihrem Mann verraten wird) dargestellt. [...]

Das imposante minimalistische und futuristische Bühnenbild (Frank Albert, auch Video und Kostüme) mit einem Gebäude, das sich unter Ausnutzung der modernen und vielfältigen technischen Möglichkeiten des Theaters von hinten in die Mitte der Bühne bewegt, in die Versenkung sinkt und sich rotierend um seine eigene Achse dreht, würdigt das 100-jährige Jubiläum der Bauhausschule und dessen vorausgegangenen und nachfolgenden Bewegungen. Abgesehen vom intensiven roten Kostüm der Protagonistin, das an die Antike erinnert, ist der Kostümbild der Interpreten modern.

Der Komponist war auch im Essener Aalto-Musiktheater bei der Inszenierung von Kay Link anwesend und wurde von den 1.500 Zuschauern, die den Raum überfüllten, bejubelt als wäre es die Uraufführung gewesen.

www.mundoclassico.com (Übersetzung aus dem Spanischen: Bing)

 

Das Zeitalter der Verzweiflung

Anders als Benedict Andrews' Interpretation für die Komische Oper kehrt Kay Link auf die ursprüngliche Anforderung zurück, indem er die beiden Sphären von Medea und Jason der Vertikalen nach trennt. Ein erhöhter Block repräsentiert die Wohnung und die zivilisierte Welt der Griechen und am Boden die der Harpie und ihrer Amme. [...]

Der Zuschauerraum, bei dieser Premiere fast ausverkauft, sowie der warme Applaus und die Bravorufe zeigen, wie offen das Essener Publikum für neue Werke ist, und beruhigt in Bezug auf das viel weniger gefüllte Parkett bei der Produktion eines Werkes von Henze am Tag zuvor in Stuttgart.

altamusica.com (Übersetzung aus dem Französischen Bing)

 

Musikalische Leitung:
Regie:
Ausstattung:
Dramaturgie:
Zwei Knaben:
Maximilian und Florian Reichwein
Essener Phlilharmoniker